Wir verzehren uns zurzeit geistesgeschichtlich fast schon obszön nach Rousseaus einzigartigem Werk, bei dessen Lektüre wir uns bald bremsen, bald zwingen müssen, ab und an innezuhalten, um nicht allenthalben im Rausch der kraftvollsten Formulierung seraphinengleich in die Welt zu tönen: „Ja, du bist es, Rousseau. Du, der einzige der Staatsphilosophen. Herz halt ein, damit du vor Sehnsucht nach seinen Prämissen nicht verbrennst.“ lesen Texte im Buch, wie üblich.
Heute trug es sich dann wie folgt zu. Ausgangspunkt war der folgende Absatz:
Erst jetzt, wo die Stimme der Pflicht an die Stelle des körperlichen Triebs und das Recht an die des Begehrens tritt, sieht sich der Mensch gezwungen, der bislang nur sich selbst im Auge hatte, nach anderen Grundsätzen zu handeln und seine Vernunft zu befragen, bevor er seinen Neigungen Gehör schenkt. Obgleich er sich in diesem Stand mehrerer Vorteile beraubt, die er von Natur aus hat, gewinnt er dadurch so große andere, seine Fähigkeiten üben und entwickeln sich, seine Vorstellungen erweitern, seine Gefühle veredeln sich, seine ganze Seele erhebt sich zu solcher Höhe, daß er — würde ihn nicht der Mißbrauch dieses neuen Zustands oft unter jenen Punkt hinabdrücken, von dem er ausgegangen ist — ununterbrochen den glücklichen Augenblick segnen müßte, der ihn für immer da herausgerissen hat und der aus einem stumpfsinnigen und beschränkten Lebewesen ein intelligentes Wesen und einen Menschen gemacht hat.
Ich so: WAAAAH, dieser Pathos bei Rousseau.
Der Kurs so: …
Ich so: Wenn ich das zu Hause laut lese, glühe ich vor Leidenschaft.
Der Kurs so: *gacker* *kicher*
Ich so: Tz.
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Aber mal im Ernst: der Gesellschaftsvertrag ist (und das ist in der Philosophie ja wahrlich nicht häufig anzutreffen) nicht nur argumentativ, sondern vielmehr noch sprachlich ein echter Hochgenuss heißer Scheiß. Nehmt mal diesen Heiratsantrag an gelebte Demokratie hier:
Sobald der Staatsdienst aufhört, die Hauptangelegenheit der Bürger zu sein, und sie ihm lieber mit ihrem Gelde als mit ihrer Person dienen, ist der Staat schon seinem Untergange nahe. Zum Kampfe schicken sie Miettruppen und bleiben zu Hause, zur Beratung ernennen sie Abgeordnete und bleiben wieder zu Hause. Infolge ihrer Trägheit und ihres Geldes unterjochen ihre Soldaten endlich das Vaterland und verkaufen es die Vertreter. [...]
Die Erkaltung der Vaterlandsliebe, die Regsamkeit des Privatinteresses, die übertriebene Größe der Staaten, die Eroberungen, der Missbrauch der Regierung haben den Gedanken erweckt, die Volksversammlungen nur durch Abgeordnete oder Vertreter abhalten zu lassen. [...]
Das englische Volk wähnt frei zu sein; es täuscht sich außerordentlich; nur während der Wahlen der Parlamentsmitglieder ist es frei; haben diese stattgefunden, dann lebt es wieder in Knechtschaft, ist es nichts. Die Anwendung, die es in den kurzen Augenblicken seiner Freiheit von ihr macht, verdient auch wahrlich, dass es sie wieder verliert.



